DIE ZEIT DES GROSSEN WANDELS
MUT IN SCHWIERIGEN ZEITEN
WAS KÖNNEN WIR TUN?
„Wenn die Welt durch menschliche Bemühungen geheilt werden kann, dann bin ich überzeugt, dass das durch ganz gewöhnliche Menschen geschehen wird. Durch Menschen, deren Liebe zum Leben größer ist als ihre Angst, Menschen, die sich öffnen können für die Kraft, die uns ins Leben gerufen hat und die bereit sind, in dieser ursprünglichen Kraft des Lebens zu ruhen.“
Joanna Macy (Mitautorin von „Die Reise ins lebendige Leben)
Wie werden wir uns fühlen, wenn unsere Enkel oder Urenkel fragen:
„Und was habt ihr getan?“ Wollen wir dann sagen: „Wir haben Augen und Ohren und unser Herz verschlossen und gehofft, es geht gut aus...“
Die Welt ist aus den Fugen geraten. In allen Bereichen des Lebens scheint das Alte nicht mehr zu funktionieren und das Neue noch nicht da zu sein. Jahrtausende alte hierarchische Strukturen, Denk- und Verhaltensweisen stellen sich in Frage. Die zerstörerischen Auswirkungen menschlichen Handels zeigen sich in allen Lebensbereichen. Es ist nicht mehr zu leugnen, dass die Welt sich in einer tiefen Krise befindet.
Unser analytischer Verstand alleine recht nicht aus, um diesen „Großen Wandel“ zu erklären oder sinnvoll zu begleiten. Wir wachsen hinein in eine komplexere, umfassendere Wahrnehmung des Lebens und des Miteinanderlebens auf der Erde. Täglich wächst auch die Zahl der Menschen, die eintreten für den Schutz des Lebens und sich einlassen auf die Suche nach neuen Wegen.
Die Ökologin Joanna Macy sagt, wir sind gleichzeitig Sterbebegleiter für eine alte Kultur und Geburtshelfer einer neue Kultur. Sie meint, dass zukünftige Generationen unsere Zeit als die „Zeit des Grossen Wandels“ betrachten werden, einer Zeit des Umbruchs von der selbstzerrstörerischen industriellen Wachstumsgesellschaft hin zu einer langfristig lebenserhaltenden Gesellschaft.
Im Moment erleben wir viel Verwirrung, Verdrossenheit, Verleugnung, und Resignation. Die Mehrzahl der Menschen fühlt sich dem was geschieht, hilflos ausgeliefert.
Die häufigsten Reaktionen sind:
• Der Ernst der Lage, das Ausmaß der Gefahr wird verdrängt oder bagatellisiert. „Alles nur Angstmacherei, das hat’s immer schon gegeben.“
• In heißen Diskussionen werden die Schuldigen gesucht – das System, die Multis, die “Bösen“, die diese scheinbar hoffnungslose Situation verursacht haben.
• Man hofft, dass die Mächtigen dieser Welt doch noch aufwachen und das Ruder in sichere Gewässer herumreißen.
• Wir flüchten uns in den Glauben an ein großes Wunder, um wenn es geschieht, weiterleben zu können wie bisher.
• Um zu überleben, sind wir überzeugt, im herrschenden System funktionieren zu müssen – stehen aber im inneren Dauerkrieg zu den herrschenden Verhältnissen. Von der Norm abzuweichen, macht Angst, „anders“ zu sein und zu handeln, birgt die Gefahr ausgeschlossen zu werden oder unterzugehen.
Nach Joanna Macy ist die größte Gefahr die Apathie, die Gleichgültigkeit, die Verstand und Herz abstumpfen lässt. Sie lässt uns die Verantwortung abgeben an irgendjemanden da draußen, anstatt eigene Fähigkeiten und Möglichkeiten zu aktivieren und selbstverantwortlich zu handeln.
Hinter einer Mauer von Hilflosigkeit ist viel Verzweiflung, Ohnmacht und Schmerz. Der Schmerz ist nicht nur persönlich, es ist der Schmerz um eine Welt, wie sie sein könnte, der Schmerz vieler Generationen. Er gründet in Unterdrückung und Einsamkeit, entstanden aus seit Jahrtausenden etablierten hierarchischen Herrschaftssystemen. Systeme, die aufbauen auf Bewertung und Beurteilung, auf Gut und Böse, auf Belohnung und Bestrafung erzeugen Druck und Angst. Ist es so ein Wunder, wenn Stress die Hauptkrankheit unserer Zeit ist? Von Klein auf leben wir mit der Angst vor Bestrafung und der Hoffnung auf Belohnung. Belohnung und Bestrafung sind wie die Leitplanken unserer Gesellschaft, die Richtlinien für unser Verhalten.
Schauen wir nur einen Sechsjährigen an, wie er eine übergroße, gewichtige Schultasche in die Schule trägt. Irgendwann wird er sich angepasst haben, „brav“ sein und belohnt werden, wenn er die Lebendigkeit, Ehrlichkeit, Kreativität, Authentizität und das Vertrauen, über das er als Dreijähriger noch verfügt hat, aufgegeben hat. Oder er ist „böse“ und wird als „Störenfried“ bestraft werden, wenn seine Kraft, seine Enttäuschung und sein „sich nicht anpassen wollen“ ein Ventil sucht in Verteidigung und Aggression.
Auf diese Weise haben wir alle irgendwann die Verbindung zu uns selbst, zu unseren ursprünglichen Fähigkeiten, zu unserer Sehnsucht nach einem freien, glücklichen Leben, zu unseren Mitmenschen und zur Erde, die uns trägt und nährt, begraben.
Den Schmerz darüber zu erkennen und zu erleben und die Verzweiflung und die Einsamkeit zuzulassen, die aus diesem „sich getrennt fühlen“ entstanden ist, kann zur Triebkraft für den Wunsch nach Veränderung und Erneuerung werden. Es ist wie der Geburtsschmerz, aus dem das Neue geboren werden kann.
Sind wir bereit, ihn anzuerkennen und zu erleben, aktiviert er Selbstheilungskräfte und weckt uns auf – jeden an seinem Platz. Die Ohnmacht kann sich in die Bereitschaft verwandeln, Verantwortung zu übernehmen für die Erhaltung des Lebens auf der Erde. Wir werden Teil dieser unendlich großen Kraft und Sehnsucht des Lebens nach Entfaltung und Erneuerung und das ist sehr ermächtigend.
In diesem „sich zur Verfügung stellen“ fragt nicht das Ego: „Werde ich dafür belohnt, wie kann ich überleben, mich behaupten, Sicherheit für mich finden, mich abgrenzen...?“ Wir sind dann verbunden mit der tiefen Sehnsucht aller Menschen nach Frieden und Freiheit. Aus dieser Verbindung können wir initiativ werden und zum Wohle des Ganzen und zum Besten für alle handeln.
Was können wir also tun, jeder an seinem Platz?
1. Wir können uns für das Leben entscheiden und eintreten für Frieden, Freiheit und Menschlichkeit. Durch Bürgerinitiativen, Proteste, Demonstrationen können wir direkten Widerstand leisten oder Organisationen unterstützen, die sich an Rettungsaktionen zum Schutz des Lebens auf der Erde beteiligen und so den Prozess der Ausbeutung und Verwüstung der Erde verzögern.
2. Wir können uns bewusst machen, wie weit jeder von uns durch seine Lebensweise an der Zerstörung unseres Lebensraums Anteil hat. Und wir sind eingeladen zu einer ganz individuellen Suche nach neuen Lebensformen, Lebensformen die heilsam sind für uns selbst und den Planeten. Wir können unser Leben verändern indem wir lebenserhaltende Strukturen schaffen, fördern, unterstützen und in unser Leben integrieren.
3. Was den „Großen Wandel“ betrifft, ist die grundlegende Dimension eine veränderte Wahrnehmung der Realität. Da sind wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen, die uns zum Umbruch befähigen – eine Revolution im Verstehen von Zusammenhängen – wie die Systemtheorie, die Quantenphysik und die Epigenetik. Dazu kommt eine spirituelle Neuorientierung, ein umfassenderes, sich erweiterndes und erneuerndes Bewusstsein, genährt durch uralte Weisheit, die uns jetzt zur Verfügung steht - das Wissen um die tiefe Verbundenheit von allem was ist.
Schrittweise entsteht so eine neues Weltbild, das nach neuen Verhaltensweisen verlangt. Unser Weltbild verändert sich von einer materialistischen, mechanistischen, konkurrenzbetonten Sichtweise - der Mensch, einsam als Krone der Schöpfung - hin zu einer ökologischen, ganzheitlichen, kooperativen, partnerschaftlichen Betrachtungsweise, in der der Mensch nicht mehr getrennt ist von der Natur, sondern ein Teil ist des lebendigen Organismus Erde.
Die Revolution kommt von unten – eine neue Kultur, die sehr aktiv ist überall auf der Welt. Über diese Revolution wird in den Massenmedien nur wenig berichtet. Und doch ha.ben sich Menschen
Ich hatte diesen Artikel im Mai 2006 geschrieben...
Inzwischen ist viel passiert. Ein großer Reinigungsprozess scheint im Gang zu sein. Und viel Hoffnung, was das „Neue“ betrifft... Ein schwarzer Präsident im Weißen Haus...
RENATE BAIER
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