GRUNDGEDANKEN ZUM LEBEN UND ZUR ENTFALTUNG
MENSCHLICHEN BEWUSSTSEINS
Ist es nicht verwunderlich, dass ein guter Astrologe,
der nichts von einem Menschen weiß, außer Ort und Zeitpunkt
seiner Geburt, mit großer Klarheit ein Bild des Vaters und
der Mutter des betreffenden Menschen vermittelten kann. Das heißt,
dass der Mensch bei seiner Geburt ein Bild seiner Eltern in sich
trägt und die Seele offensichtlich absichtsvoll den Vererbungsstrom
wählt, der für ihre Entwicklung der richtige ist .Es besteht
eine Resonanz zwischen dem, was in einem Menschen veranlagt ist
und den Lebensumständen, in die er hineingeboren wird. Oder
auch, alles was uns begegnet, tragen wir in uns.
Ein Kind ist also kein unbeschriebenes Blatt,
es kommt mit einer Fülle von Entwicklungsmöglichkeiten
auf die Welt und gewisse Entwicklungstendenzen sind veranlagt. Das
Neugeborene ist wie ein Zentrum reinen Bewusstseins - ein offenes
System, eingebettet in Vertrauen, voll Hingabe ans Leben und seiner
Umgebung und seinen Bezugspersonen rückhaltlos ausgeliefert.
Prägung und Differenzierung sind dann wie
eine Einengung dieses Bewusstseinsfeldes, und auch diese Beschränkung
ist veranlagt
Die Anpassung an das "System" ist für
das Kind überlebensnotwendig und so orientiert es sich an den
großen, starken, mächtigen Erwachsenen, die scheinbar
alles wissen und können - es ahmt nach, was ihm vorgelebt wird.
Es ist ein sich "Arrangieren" mit der Familie, mit der
Gesellschaft und ein sich Trennen vom eigenen, wahren Wesen. Und
es braucht die Liebe und die Zuwendung von außen um zu überleben.
Aus Angst, diese Liebe zu verlieren - und diese Angst ist lebensbedrohlich
- lernt es, sich zu verleugnen, zu verkaufen. Es lernt, dass es
Strategie und Manipulation braucht, um zu überleben.
So entwickelt sich unsere "Persönlichkeit".
Sie ist die Art und Weise, wie wir uns in der Welt ausdrücken,
sie ist aber auch die Linse durch die wir die Welt wahrnehmen. Später
erleben wir oft schmerzhaft, wie beschränkt und wenig geeint
unsere Persönlichkeit agiert und reagiert. Wir stoßen
an Grenzen und erleben Schmerz und Verunsicherung. Es ist die verwirrende
Erfahrung: "Ich bin nicht ich selber und ich weiß nicht,
wer ich bin."
Doch es gibt Augenblicke, Erfahrungen, die hinführen
zu diesem Selbst, zum "ich selber sein". Es sind Erlebnisse
des Lebendig-Seins, die Erfahrung von wirklicher Freude, des Einsseins
aber auch von tief empfundenem Schmerz. Dann bröckelt diese
Mauer, in der wir uns so oft gefangen fühlen. Es passiert,
wenn wir uns verlieben, berührt werden in der Tiefe unseres
Wesens durch einen anderen Menschen, durch die Natur, durch ein
Kunstwerk. Sie bröckelt auch durch einen Schicksalsschlag,
in einer Krise.
Schmerz und Freude führen uns zurück
zu unserem wahren Wesen. Die Freude ist uns geschenkt, wir nehmen
sie hin, ganz selten nur kann sie unsere Einstellung zum Leben wirklich
verändern.
Der Schmerz ist's, der uns wachsen lässt.
Schmerz hat mit Trennung zu tun -ich fühle mich getrennt von
mir selber, von meiner Umgebung, ja letztlich vom Göttlichen.
Je tiefer der Schmerz, desto tiefer das Gefühl der Trennung.
Gleichzeitig ist im Schmerz eine tiefe Sehnsucht, diese Trennung
aufzulösen, zurückzufinden zu Liebe, Freude und Einssein.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es in jedem
Menschen diesen "Urschmerz" der Trennung gibt, tiefste
Gefühle von Verlassenheit, Hoffnungslosigkeit, Ausweglosigkeit,
Ausgeliefertseins überdeckt von Angst, Wut und Traurigkeit
Er wird in bestimmten Lebenssituationen ausgelöst
und führt uns zu diesem einsamen, verlassenen Kind das nach
Liebe hungert und das immer Teil unserer Persönlichkeit war
und ist. Sich dieses Kindes anzunehmen, dieser schmerzlichen Gefühle,
sie zu achten und zuzulassen, das ist der Weg zur Heilung und zum
Ganzwerden, zu unserem wahren Wesen, zum Ursprung.
So können wir zurückfinden zu dem unschuldigen,
zarten, verletzlichen, einzigartigen und so unglaublich kraftvollen,
innersten göttlichen Wesenskern, der in uns ruht. Mir fällt
in diesem Zusammenhang das Christuskind in der Krippe ein - so schlicht,
so einfach, so strahlend - und dieses Bild hat die Welt bewegt,
seit zweitausend Jahren! Und Angelus Silesius, der sagt, dass dieses
Kind in uns geboren werden muss.
Diese "Heimreise" wird initiiert vom
Höheren Selbst, dem Urgrund unserer Seele. Es ist ein Bewusstwerdungsprozess,
der hinführt zur Erkenntnis von Sinn und Bedeutung menschlichen
Lebens, hin zu mehr Liebe. Dieser Weg ist oft mühsam, weit
und schmerzhaft und nicht jeder ist bereit, ihn zu gehen- ein Weg
des Loslassens und der Verwandlung von dem oder der wir zu sein
glauben zu dem oder der wir sind.
Die wunderbare Entdeckung ist, dass wer wir in
unserem tiefsten Wesen sind, dieses Kind Gottes, so viel größer
ist als unsere Persönlichkeit. Dieses Kind ist Liebe - pur.
Und in der Liebe hat alles Platz, alle Ängste, alle Zweifel.
Dieses ursprüngliche Potential des Menschen, die Liebe, ist
immer da, doch sie will entdeckt werden .Sie ist überdeckt
von vielen Verletzungen und Ängsten und all den Abwehrmechanismen,
die wir uns wie einen Schutzmantel zugelegt haben.
Als kleines Mädchen, als kleiner Junge kamen
wir irgendwann zur Überzeugung: "Ich werde nicht geliebt
und ich muss alles tun, um geliebt zu werden". Damals brauchten
wir die Liebe von außen, um zu überleben. Und aus Angst,
die Liebe zu verlieren, lernten wir, uns zu verraten, zu verkaufen,
zu verleugnen. So laufen wir der Liebe nach und laufen ihr eigentlich
davon und erschöpfen uns dabei. Machen, Tun, mehr Leistung,
mehr Erfolg, schneller, besser, schöner, größer,
weiser, klüger - dann werde ich geliebt. Und wir verstricken
uns in diesem Kampf, in der Kontrolle, in äußeren und
inneren Zwängen.
Unser Herz, da wo die Liebe wohnt, sagt: "Lass
los, Du bist ja schon da, hier und jetzt findet Dein Leben statt
und wird sich in Vollkommenheit entfalten, wenn Du es nur zulässt."
Wann immer ich Menschen hinführe in ihr Innerstes,
zur Weisheit ihres Herzens (es waren schon viele Hundert) und sie
frage: "Was ist Dir wirklich wichtig? Was möchtest Du
erreichen? Was ist Deine tiefste Sehnsucht? So sind die Antworten
sehr ähnlich und sehr einfach (niemand will ein neues Auto!).
Es ist: Ruhe, Geborgenheit, Liebe, Frieden.
Wir leben in einer Zeit des Umbruchs und der Neuorientierung
auf allen Ebenen. Da ist Hoffnungslosigkeit und Hoffnung. Es wird
viel davon gesprochen, wie sehr wir eine neue Art zu denken, eine
neue Sprache, einen neuen Umgang miteinander, eine neue Beziehung
zur Natur brauchen. Viele wunderbare Erkenntnisse und Wege tun sich
auf. Ich möchte gerne einem Grundsatz aus der Psychosynthese
vertrauen, der da heißt: "Das Potential ist immer größer
als die Probleme."
Im Einstein Gedenkjahr 2005 haben einige bedeutende
Wissenschaftler unserer Zeit eine Gedenkschrift herausgegeben (Potsdamer
Denkschrift 2005). Es geht um eine Neuorientierung durch die Weiterentwicklung
der Erkenntnisse der Quantenphysik, eine mögliche Zukunft der
Menschheit und des menschlichen Bewusstseins. Der Schlusssatz dieser
Schrift lautet:
Wir müssen fortfahren, neues Wissen zu schaffen,
das Lebendigkeit vermehrt erblühen lässt. Wir können
uns darauf verlassen, dass diese Kraft in uns wirkt. Denn die Allverbundenheit,
die wir Liebe nennen können und aus der Lebendigkeit sprießt,
ist in uns und in allen Anderen von Grund auf angelegt.
Also machen wir uns auf die Suche! Wenn
wir bereit sind loszulassen und lernen zu vertrauen in diese Kraft,
die größer und weiser ist als wir, dann wird sie uns
finden, die LIEBE.
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